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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2012

 

Titel Strukturelle Merkmale der Geschichtsdarstellungen in aktuellen chinesischen Museen
Autor Hongyu Liu
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung In der Dissertation werden die charakteristischen Merkmale der vier Museumstypen der Volksrepublik China dargestellt: Nationalmuseen, Museen als Kulturdenkmäler, regionale Zentralmuseen und private Museen. Hierbei liegt der zentrale Forschungsschwerpunkt auf den Präsentationskonzepten der jeweiligen Geschichtsausstellungen. Der Autor zeigt, dass die speziellen Merkmale der musealen Präsentationskonzepte als markante Kulturerscheinungen des gesellschaftlichen Strukturwandels und des kulturellen Diskurswandels des Landes angesehen werden können.
Am Fallbeispiel des Nationalmuseums wird dargestellt, dass das Museum von den Kulturinstanzen als eine Kultureinrichtung mit einer pädagogischen Funktion behandelt wird, in der ein in öffentlichen Diskursen hervorgebrachtes Geschichtsverständnis als „standardisiertes Wissen“ vermittelt wird. Im dortigen Präsentationskonzept der Geschichtsausstellungen wird die funktionale Dimension übermäßig betont, wobei die vorherrschenden politischen Ideologien bekräftigt und die gesellschaftlichen Ordnungen des Ein-Parteienstaats legitimiert werden. In der narrativen Dimension wird die Geschichtsnarration durch ein semiotisches Zeichensystem mit stark mythischem Charakter unterstützt. Gleichzeitig wird die „reale“ Dimension der Präsentation so stark vernachlässigt, dass die historischen Ereignisse oft tabuisiert und verheimlicht werden, die sich nicht in die vorherrschende Sinnordnung des politischen Geschichtsbildes einfügen lassen. Somit wird die historische Wahrnehmung der dargestellten Geschichtsbilder oft stark verzerrt. Die ungleiche Gewichtung der drei Dimensionen erklärt sich durch die enge Bindung der Kulturinstitution an staatliche Kulturinstanzen und die überwiegend vom Staatsapparat kontrollierte öffentliche Sphäre der Gesellschaft.
Anhand des Palastmuseums lässt sich in den dortigen Ausstellungen ein repräsentativer Entwicklungsprozess der Präsentationskonzepte beobachten. Dabei wird nicht mehr wie bei älteren Ausstellungen insbesondere Wert auf die erzieherischer Intention und die ideologischen Botschaften gelegt, sondern die Museumsmacher tendieren dazu, einerseits den „originalen Zustand“ des Palastes zu rekonstruieren, andererseits durch die objektorientierten und konzeptorientierten Ausstellungen vor allem den kulturellen Wert der ausgewählten Ausstellungsgegenstände zu präsentieren. Bei den neuen Ausstellungskonzepten lässt sich ein relativ ausbalanciertes Verhältnis zwischen der narrativen, funktionalen und realen Dimension vorfinden, was nach der Meinung des Autors auf den gesellschaftlichen Strukturwandel und die Einführung der Reformpolitik zurückzuführen ist. Trotz der bisherigen Neuerungen weisen die dortigen Ausstellungen aber immer noch deutliche Schwächen auf, die Möglichkeiten der musealen Präsentation der Geschichtsbilder werden oft nicht vollständig ausgeschöpft.
Das Hauptstadtmuseum zeigt eine Fortsetzung dieses Entwicklungsprozesses, wobei die Museumsmacher nicht nur bessere Services in der Öffentlichkeitsarbeit leisten, sondern auch durchdachte Präsentationskonzepte mit multiperspektivischer Gestaltung erstellen. Dabei werden die funktionale und die reale Dimension eng miteinander verbunden, um eine sachliche Wissensvermittlung zu begünstigen. Gleichzeitig ist die narrative Dimension mit den anderen beiden Dimensionen verbunden und auf die besucherorientierte Zielsetzung ausgerichtet. Diese Umstellung ist durch die strukturelle Wandlung der öffentlichen Sphäre unter den regionalen Bedingungen zu erklären: die Öffentlichkeit auf regionaler und lokaler Ebene ist im Vergleich zur staatlichen Ebene deutlich handlungsfähiger.
Diese Entwicklungstendenz erreicht im Jianchuan „Museum Cluster“ ihren vorübergehenden Höhepunkt: dort behandeln die Museumsmacher gezielt die bislang tabuisierten historischen Themen geschichtskritisch. Somit wird das gängige hegemoniale Geschichtsverständnis problematisiert und damit ein Widerstandsdiskurs in den öffentlichen Geschichtsdiskurs eingeführt. Durch das Zurückdrängen der früheren mythischen Darstellungen wird eine realitätsnahe historische Wirklichkeit in den Ausstellungen präsentiert. Dabei dienen die narrative und die funktionale Dimension gemeinsam der Stärkung der realen Dimension. Mithilfe der Durchsetzung eines alternativen Geschichtsverständnisses soll das herrschende Ordnungssystem destabilisiert werden. Mittlerweile genießen die privaten Museen eine deutlich höhere Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit als die staatlichen Museen: Die privaten Akteure der Gesellschaft dringen mehr und mehr in die öffentliche Sphäre vor, fordern dabei für sich ständig mehr öffentliche Rechte und verwenden dabei eigene Museen als Schauplätze der aktuellen „Kulturkämpfe“.
Der Entwicklungsprozess musealer Präsentationskonzepte lässt sich auf einen Diskurswandel der politischen Kultur und einen Strukturwandel der Öffentlichkeit zurückführen. Dabei werden die mythischen Darstellungen reduziert und historische Objektivität avanciert zum neuen Grundsatz der Ausstellungsgestaltung. Dadurch wird die neu aufbereitete historische Narration von der früheren kulturpolitischen Ideologie befreit und der staatlich legitimierten Geschichtsschreibung als Widerstandsdiskurs entgegengesetzt. Diese Kursänderung spiegelt das gewandelte Machtverhältnis zwischen der staatlich-administrativen Sphäre, der öffentlichen Sphäre und der privaten Sphäre der sozialen Akteure wider. Der Handlungsraum der privaten Akteure wird kontinuierlich ausgeweitet, dabei verbessern sie in der öffentlichen Sphäre ihre Machtposition und drängen dabei den Geltungsbereich administrativer Behörden zurück. Durch die aktive Mitwirkung der Museumsakteure an diesem Wandlungsprozess, setzen sie sich für die Entstehung einer neuen Zivilgesellschaft ein und unterstützen damit die Etablierung einer umgestalteten gesellschaftlichen Öffentlichkeit Chinas, an der sich in zunehmendem Maße relativ gleichberechtigte gesellschaftliche Akteure beteiligen können.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 10.12.2012