Depression als eine Störung der Stressregulation - Die Rolle von HPA-Achse, Serotonin-Transporter-Polymorphismus 5-HTTLPR und Hippocampusvolumen für die Depressionsentstehung und das Ansprechen auf die antidepressive Therapie

Anna Schuhmacher

Zusammenfassung

 

Einleitung: Depressive Störungen gelten schon lange als stressassoziierte Störungen, die vor dem Hinter-grund einer Vulnerabilität, bedingt durch genetische Faktoren und frühkindliche Lernerfahrungen, beim Erleben von Stress ausbrechen. Die Erforschung der biologischen Korrelate und Ursachen dieser stressbe-zogenen Störung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Metaanalysen belegen beispielswei-se die Assoziation des Serotonin-Transporter-Polymorphismus (5-HTTLPR) mit depressiven Störungen und der mit Depression assoziierten Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus. Das Konzept der Endophänotypisierung nimmt an, dass psychische Störungen „neurobiologisch bedingt bzw. verursacht“ sind. Eine Dysfunktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und eine reduzierte Serotoninfunktion an den Thrombozyten werden als erfolgversprechende Endophänotypen an-gesehen. Ebenfalls ist der Hippocampus, welcher der neurotoxischen Wirkung der Glukokortikoide unter-liegt, eine wichtige Hirnstruktur im Zusammenhang mit depressiven Störungen.

Methode: Es wurden 220 unipolar depressive Patienten und 203 gesunden Kontrollpersonen hinsichtlich der Ausprägung der biologischen Parameter HPA-Achsen-Aktivität, 5-HTTLPR und Hippocampusvolumen verglichen. Neben der Untersuchung des Zusammenhangs der biologischen Parameter untereinander wie z.B. der postulierten erhöhten Cortisolresponse von S-Allel Trägern des 5-HTTLPR, wurde auch die prädiktive Rolle der drei biologischen Parameter für das Ansprechen auf die fünfwöchige stationäre antidepressive Therapie untersucht. Eingesetzt wurden der Dex/CRH-Test zur Erhebung der Cortisolreaktivität und eine MRT-Untersuchung zur Vermessung des Hippocampusvolumens. Des Weiteren wurden Morgen-Speichelcortisoldaten erhoben und die Genetikvariante 5-HTTLPR typisiert.

Ergebnisse: Erwartungsgemäß waren zwei der biologischen Faktoren im Patienten-Kontrollpersonen-Vergleich mit Depression assoziiert. Depressive Männer, besonders diejenigen mit mehreren depressiven Episoden, zeigten einen höheren Cortisolspiegel im Dex/CRH-Test im Vergleich zu Kontrollpersonen. Ein verkleinertes hippocampales Volumen depressiver Patienten mit der ersten und depressiver Patienten mit mehreren depressiven Episoden konnte für den 1,5-Tesla-Scanner im Vergleich zu Kontrollpersonen belegt werden, was auf die Rolle eines verkleinerten Hippocampusvolumens in der Depressionsentstehung hindeutet. Bezüglich der Interaktion biologischer Parameter wurde eine Assoziation des S-Allels mit er-höhten Neurotizismuswerten in der Kontrollstichprobe für Männer und eine erhöhte Cortisol-Antwort im Dex/CRH-Test bei allen depressiven Patienten gefunden. Zusätzlich bestand eine positive Korrelation der Cortisolwerte mit den Neurotizismuswerten. Die depressive Symptomatik besserte sich im Therapieverlauf und korrelierte dabei in der gesamten Patientenstichprobe auf Trendniveau sowohl mit den Cortisolwerten im Dex/CRH-Test als auch mit den basalen Cortisolwerten, was die Theorie stützt, dass eine Nor-malisierung der HPA-Achsen-Hyperreagibilität mit der Besserung der depressiven Symptomatik assoziiert ist. Die Cortisolwerte nach einwöchiger Behandlung und die initiale Cortisolbesserung innerhalb der ersten Woche nach der stationären Aufnahme waren allerdings nicht mit der Besserung der depressiven Symptomatik nach der fünfwöchigen Therapie assoziiert. Einen prädiktiven Wert konnte somit einem einzelnen Dex/CRH-Test zu Beginn der Behandlung nicht zugeordnet werden. Der 5-HTTLPR hatte einen Einfluss auf das Therapieansprechen, wobei sich Träger des SS-Genotyps am schlechtesten besserten. Im Gegensatz zur aktuellen Studienlage konnten wir die Theorie zur Assoziation eines größeren Hippocampusvolumens und einem besseren Therapieansprechen nicht stützen.

Schlussfolgerungen: Auf der Suche nach genetischen Varianten und Endophänotypen der Depression er-wiesen sich die hier untersuchten Parameter Hippocampusvolumen, 5-HTTLPR und Cortisol als vielver-sprechende Kandidaten. Weitere Studien zum 5-HTTLPR scheinen erfolgversprechend zu sein, da die vorliegende Arbeit Einflüsse des 5-HTTLPR auf Neurotizismuswerte, Cortisolwerte und die Besserung der depressiven Symptomatik unter antidepressiver Therapie belegen konnten.

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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 04.07.2011