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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2011

 

Titel Julian V. Bromlejs „Theorie des Ethnos“ und die sowjetische Ethnographie 1966-1989
Traditionslinien und Transformationen, Grundbegriffe und politische Implikationen eines sowjetischen Ethnizitätskonzepts
Autor Helene Mutschler
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Seit der Implosion der Sowjetunion hat das Forschungsinteresse an der imperialen Dimension der sowjetischen Geschichte erheblich zugenommen. Einige Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einem „ethnic“ beziehungsweise „imperial turn“ in der historischen und politikwissenschaftlichen Analyse. Ethnizität war in einem Vielvölkerstaat wie der Sowjetunion von höchster Bedeutung. Für die wissenschaftliche Erforschung von Ethnizität, kultureller Identität und ethnischen Wandlungsprozessen war – der vorrevolutionären Fachtradition folgend – in der Sowjetunion die Ethnographie zuständig. Einer ihrer wirkungsmächtigsten Vertreter war der langjährige Direktor des Ethnographischen Instituts der Akademie der Wissenschaft der UdSSR, Julian Bromlej, der seit den 1960er Jahren als Außenseiter die sowjetische Ethnographie weitgehend bestimmte und eine spezifische „Theorie des Ethnos“ entwickelte, die man im Westen jedoch allenfalls bisweilen zur Kenntnis nahm.
Daher ist die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Politik- und Geschichtswissenschaft sowie Ethnologie als eine Studie der ideen- und fachgeschichtlichen Entwicklung der spätsowjetischen Ethnographie in all ihren Verästelungen angelegt. Sie erschließt und reflektiert umfassend die Argumentationen Bromlejs und seiner Gegner, sie legt den Kern ihres Denkens frei und setzt sich kritisch mit ihm auseinander. Nicht nur die Komplexität, die Widersprüche und die Deutungsmöglichkeiten der Theorie, sondern auch ihr Verhältnis zur offiziellen Ideologie und Politik werden extensiv und quellengestützt beleuchtet.
Dabei verortet die Arbeit die „Theorie des Ethnos“ innerhalb der sowjetischen Wissenschaftstradition sowie der nationalitätenpolitischen Praxis. Sie betrachtet die Ethnographie unter Bromlej in ihrem spezifischen historischen, lokalen und kulturellen Umfeld, das ihren Wirkungsrahmen konstituierte, ihre Sagbarkeitsgrenzen und Bedeutungsnetze festlegte, ihre Interessen und Aufgaben formulierte und ihre Konzepte bestimmte. Diese Einbettung in den spezifischen spätsowjetischen Kontext, in dem Bromlej und seine Fachkollegen agierten, erlaubt der Arbeit einen differenzierteren Blick auf die oft einseitigen Interpretationen von Bromlejs Ethnos-Theorie.
Für gegenwärtige Debatten in der Ethnizitätsforschung ist die Betrachtung der polyethnischen Sowjetunion besonders aufschlussreich, da die planmäßige Konstruktion von Identitäten hier besonders evident wird und gleichzeitig an ihren Folgen scheitert. Die Arbeit zeigt, dass weder die sowjetische Nationalitätenpolitik noch Bromlejs Ethnos-Theorie eindeutig und rigoros ausschließlich primordialen oder konstruktivistischen Ethnizitätskonzepten zugeordnet werden können. Vielmehr war Julian Bromlejs „Theorie des Ethnos“ Ausdruck einer konzeptionellen Dichotomie des sowjetischen Umgangs mit Ethnizität und Nation – der Dichotomie zwischen einer anationalen Ideologie und einer meist nationalistischen Politik, die bis zum Ende der Sowjetunion unaufgelöst blieb. Die Ethnos-Theorie wird als ein Versuch interpretiert, die geplanten und unvorhergesehenen Auswirkungen sowjetischer Nationalitätenpolitik, gewaltsam forcierter Industrialisierung und Alphabetisierung auf die Entwicklung der „nationalen Frage“ im Spätsozialismus wissenschaftlich zu erfassen.
Die Arbeit basiert auf Bromlejs umfangreichem Œuvre, das nur zum Teil im Ausland publiziert wurde. Darüber hinaus greift sie auf Dokumente aus dem Bestand des Archivs der Russischen Akademie der Wissenschaften sowie des Russischen Staatsarchivs für Neueste Geschichte zurück Die postsowjetische Rezeption von Bromlejs Theorie wird auf Grundlage der Diskussionen in der postsowjetischen Fachöffentlichkeit sowie unter Einbeziehung von Zeitzeugen-Erinnerungen untersucht.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 08.04.2011