Management sozial-ökologischer Systeme für mehr Resilienz: Fischerei in den kleinen Reservoiren Nordghanas

Jennifer Sigrid Hauck

Zusammenfassung

 

Die ländliche Bevölkerung in Nordghana muss sich einer Vielzahl von Herausforderungen, wie sozialen Veränderungen, politischer Vernachlässigung, Globalisierung, sowie einem Mangel an alternativen Einkommensquellen, stellen, um ihren täglichen Lebensunterhalt zu sichern. Zusätzlich zu diesen Problemen kommt eine steigende Anzahl klimatischer Extreme, wie Dürren und Überschwemmungen, die ihre Haupteinkommensquelle, den Regenfeldbau, bedrohen.

In den letzten 60 Jahren wurden hunderte kleine, vielfältig nutzbare Reservoire gebaut, um für die wachsende Bevölkerung Einkommensalternativen zu schaffen, vor allem im Bewässerungsfeldbau und durch größere Viehherden mittels zusätzlicher Tränkmöglichkeiten. Die Nutzung der Reservoire für die Fischereiwirtschaft hingegen rückte bisher kaum ins Blickfeld. Ständig zunehmende Unsicherheiten und Probleme bei der Sicherung des Lebensunterhaltes machen es jedoch notwendig, alle möglichen Nutzungen der Reservoire zu erwägen, einschließlich der Fischerei. Durch ein besseres Verständnis der Potentiale der Fischerei in kleinen Reservoiren, möchte die vorliegende Studie zur Stärkung der Resilienz der lokalen Bevölkerung gegenüber den immer extremer werdenden Umweltbedingungen beitragen. Angelehnt an Folke (2006) wird Resilienz als Potential verstanden sich, trotz umweltbedingter Störungen und Krisen, neue Möglichkeiten zu erschließen sowie als Potential für Innovation und Entwicklung.

Die Ergebnisse basieren auf empirischen Erkenntnissen aus drei Fallstudien an Reservoiren in der Upper East Region, Ghana, welche in unterschiedlicher Intensität fischereilich genutzt werden. Der erste von drei Untersuchungsschritten ist auf die Art und Weise fokussiert, wie sich das Fischen und der Handel mit Fisch auf die Potentiale neue Möglichkeiten zu erschließen auf Innovation und Entwicklung auswirkt. Der zweite Schritt analysiert das ökologische Potential der kleinen Reservoire hinsichtlich der Bereitstellung aquatischer Ressourcen. Mittels Konzepten der sozialen Netzwerkanalyse werden im dritten Untersuchungsschritt die sozialen Potentiale analysiert, die notwendig sind, um durch Innovationen bzw. verbessertes Management die ökologischen Potentiale der Reservoire zu realisieren.

Die Analyse des lokalen, ökologischen Wissens der Fischer zeigt, dass sich nach dem Bau der kleinen Reservoire eine natürliche Fischpopulation etabliert. Dennoch gibt es in Nordghana hunderte Reservoire, die fischereilich nicht genutzt werden, da den Menschen weder Know-how noch Fischereiausrüstung zur Verfügung stehen. Die drei Fallstudien zeigen aber, dass Fischerei sich, wenn Zugang zu Know-how und Fischereiausrüstung besteht, zu einer wichtigen Einkommensquelle entwickelt kann, die immerhin 15% der männlichen, ökonomisch aktiven Bevölkerung aus der absoluten Armut hilft. Darüber hinaus hat sich Fisch zu einer wichtigen Ergänzung im Speiseplan entwickelt. Zudem kann das Einkommen aus der Fischerei und aus dem Verkauf von Fisch in alternative Lebenssicherungsstrategien investiert bzw. extreme Hungerzeiten können abgefedert werden.

Kostengünstige, technische Lösungen zur Optimierung der natürlichen Fischpopulationen stehen ebenfalls zur Verfügung und könnten die Erträge steigern. Konkrete Vorraussagen zu potentiellen Steigerungsmöglichkeiten sind indes schwierig, da extrem variable Umweltbedingungen einer sehr schwachen Datenbasis bezüglich Fischproduktion in kleinen Reservoiren gegenüberstehen. Ein anpassungsfähiger Managementansatz, wie zum Beispiel vorgeschlagen von Berkes et al. 2001, berücksichtigt solche unsicheren Umstände, und empfiehlt auf unterschiedlichen Arten von Wissen aufzubauen und aus Fehlern und Erfolgen zu lernen. Eine erfolgreiche Umsetzung des Management-Konzeptes benötigt aber bestimmte Voraussetzungen, wie etwa good leadership, Vertrauen oder auch eine gemeinsame Vorstellung vom Ziel des Managements.

Die Ergebnisse der sozialen Netzwerkanalyse sowie die Auswertung historischer Daten deuten auf mangelnden politischen Willen sowie fehlenden Finanzierung als Hindernisse auf dem Weg zu einem verbesserten Fischereimanagement hin. Desweiteren zeigt die Analyse, dass sich traditionelles und staatliches Ressourcenmanagement nicht einfach mit neueren, demokratischen Managementansätzen vereinbaren lässt. Schlechte Führung der Fischereigemeinden sowie Konflikte zwischen jungen und alten Fischern resultieren in massivem Misstrauen, welches eine koordinierte fischereiliche Bewirtschaftung der Reservoire unmöglich macht. Auch die Dorfgemeinschaften sind mit der Organisation der verschiedenen Wassernutzungen und der Instandhaltung der Infrastruktur überfordert, und durch die Knappheit des Wassers entsteht eine starke Konkurrenz unter den verschiedenen Wassernutzern, welche die ohnehin schwierige Situation verschärft.

Drei deskriptive Entwicklungsszenarien am Ende der Studie zeigen, dass mit Zugang zu Know-how und Fischereiausrüstung die wirtschaftliche Nutzung der natürlichen Fischpopulation in den Reservoiren gesteigert und somit die Resilienz der lokalen Bevölkerung erhöht werden könnte. Die Möglichkeiten der Fischerei als eine Strategie zur Lebenssicherung bleiben allerdings beschränkt, sofern die problematische Situation im Fischereimanagement nicht verbessert wird. Eine gleichberechtigte Kooperation von Wissenschaft, Politik und lokalen Nutzern könnte helfen, die Managementverdrossenheit zu überwinden. Die Fischerei in kleinen Reservoiren könnte dann ihr Potenzial zur Stärkung der Resilienz der ländlichen Bevölkerung gegenüber den eingangs erwähnten Problemen entfalten.

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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 08.12.2010