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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2008

 

Titel Kontrollierte und automatische Gedächtnisprozesse bei der selektiven Verarbeitung von alkoholbezogenem Material durch alkoholabhängige Patienten
Eine Anwendung der Prozess-Dissoziations-Prozedur
Autor Gisela Bopp
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Theorien zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Substanzabhängigkeiten betonen die Bedeutung automatischer Prozesse bei der selektiven Verarbeitung störungsspezifischer Reize (Tiffany, 1990; Robinson & Berridge, 1993; Franken, 2003). Vermehrte Kenntnisse der Verarbeitungsprozesse abhängiger Patienten können auch helfen, u. a. das Rückfallgeschehen besser zu verstehen und geeignete Therapien zu entwickeln. An einer Stichprobe alkoholabhängiger Patienten wurde untersucht, ob die selektive Verarbeitung im Gedächtnis, welche von Franken (2003) postuliert wird, auf automatischen Prozessen basiert. Zu diesem Zweck kam eine neuere Variante der Prozess-Dissoziations-Prozedur zur Anwendung. Die von Krüger (1999) entwickelte modifizierte Inklusionsprozedur ermöglicht eine differenzierte Erfassung dreier Gedächtnisprozesse. Automatische Prozesse sind an zwei Formen der Verarbeitung beteiligt: an unbewussten Prozessen sowie an unwillkürlich-bewussten Prozessen, bei denen Inhalte automatisch in den Sinn kommen und anschließend unwillkürlich-bewusst wiedererkannt werden. Weiterhin erlaubt die modifizierte Inklusionsprozedur auch die Schätzung willkürlich-bewusster Gedächtnisprozesse.
Die Untersuchungen bestätigen die Annahme eines Gedächtnisbias für alkoholbezogenes Wortmaterial bei alkoholabhängigen Patienten. Die Hypothese eines auf automatischen Prozessen basierenden Bias konnte jedoch nicht bestätigt werden. Es resultieren weder höhere Schätzer unbewusster, noch unwillkürlich-bewusster Prozesse bei alkoholbezogenem Material verglichen mit neutralem. Diese Erwartung konnte auch nicht für Patientengruppen mit vergleichsweise hoher Ausprägung störungsspezifischer Variablen bestätigt werden. In der Patientengruppe resultieren jedoch erhöhte Schätzer willkürlich-bewusster Prozesse bei alkoholbezogenem Material. Dieser Effekt konnte in einer weiteren Untersuchung, in der die Gedächtnisleistung höher ausfiel, repliziert werden. Die Größe des Gedächtnisbias wird von der Anzahl bisheriger stationärer Behandlungen moderiert. Es zeigen sich jedoch keine Zusammenhänge zwischen der Trinkmenge oder dem Suchtverlangen und der Größe des Bias.
Die Ergebnisse stützen eine Annahme des Modells von Franken (2003), welches einen Gedächtnisbias für substanzbezogenes Material bei abhängigen Patienten vorhersagt. Weiterhin zeigen sie, dass der Gedächtnisbias auf willkürlich-bewussten Prozessen basiert. Insgesamt scheinen Patienten alkoholbezogenes Wortmaterial daher bewusster zu verarbeiten als neutrales. Denkbar ist, dass dieses Ergebnis eine bewusste Verarbeitung des kritischen Materials in späteren Verarbeitungsstadien widerspiegelt, wie sie auch für intrusive Gedanken oder die Planung des Konsums kennzeichnend sein kann. Der beobachtete Zusammenhang zwischen der Größe des Bias und der Anzahl bisheriger stationärer Behandlungen passt zu vergleichbaren Befunden aus Untersuchungen zum Aufmerksamkeitsbias. Zukünftige Untersuchungen sollten klären, wie dieser interpretiert werden kann: Eine hohe Anzahl von Behandlungen kann z.B. Zeichen einer besonderen Schwere der Störung sein oder auch auf einen besonderen Umgang der Patienten mit der Abhängigkeit hinweisen. Die Untersuchungen erlauben weiterhin die Prüfung von Hypothesen, welche sich auf Beeinträchtigungen der Gedächtnisfunktionen und Ratetendenzprozesse von alkoholabhängigen Patienten bei neutralem Material beziehen. Aufmerksamkeitsfunktionen wurden anhand des Frankfurter Aufmerksamkeitsinventars untersucht. Auffällig sind die erhöhten Schätzer der Ratetendenz in den Patientengruppen im Vergleich mit Kontrollpersonen, welche mit den Aufmerksamkeitsleistungen zusammenhängen.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2008