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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2007

 

Titel Defensives Impression Management in Einstellungsinterviews
Effekte verantwortlichkeitsbasierter Rechenschaftskommunikation auf Urteilsprozesse des Interviewers
Autor Marc Solga
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Vorliegende Arbeit schildert drei Untersuchungen zur verantwortlichkeitsbasierten Rechenschaftskommunikation des Bewerbers in Einstellungsinterviews. Generelles Ziel dieser Form defensiven Impression Managements ist es, die zugeschriebene Verantwortlichkeit der eigenen Person für tadelnswerte Ereignisse (Fehlverhalten und Misserfolge) vorteilhaft zu beeinflussen. Sog. Entschuldungsargumente versuchen, die wahrgenommene Verantwortlichkeit zu reduzieren; Verantwortlichkeitseingeständnisse akzeptieren diese. Rechenschaftsargumente beeinflussen nicht nur die Verantwortlichkeitsattribution des Gesprächspartners, sondern auch dessen Urteilsprozesse zur generellen Zuverlässigkeit oder Charakterstärke, d. h. zur Integrität, Gutwilligkeit und Effektivität des Rechenschaftssenders. Bewerber präsentieren Rechenschaftserklärungen, wenn es gilt, in Auswahlgesprächen über berufliche Misserfolge zu sprechen.
Ausgehend von Schlenkers (1997) Triangelmodell personaler Verantwortlichkeit gehen die Studien A und B der Frage nach, inwiefern unterschiedliche Kombinationen von Rechenschaftsargumenten zur Kontrollierbarkeit eines fraglichen Misserfolgs (hier: des Erzielens einer schlechten Prüfungsleistung), zur Vorgabenklarheit im Kontext des Misserfolgs und zur personalen Verpflichtung, den Vorgaben zu folgen, die Urteilsprozesse des Einstellungsinterviewers zur Verantwortlichkeit, zur Integrität, Gutwilligkeit und Effektivität sowie schließlich zur Eignung des Bewerbers beeinflussen. Internetgestützt variieren die Studien ein experimentelles 2 x 2-Design; Studie A: kommunizierte Kontrollierbarkeit (Ereignis kontrollierbar vs. nicht kontrollierbar) x kommunizierte Vorgabenklarheit (Vorgaben klar vs. unklar), Studie B: kommunizierte Kontrollierbarkeit (Ereignis kontrollierbar vs. nicht kontrollierbar) x kommunizierte Verpflichtetheit (verpflichtet vs. nicht verpflichtet). Es wurde ein Trade-off zwischen ereignis- und persönlichkeits- bzw. eignungsorientierten Effekten erwartet: Rechenschaftserklärungen, die die Verantwortlichkeit zu minimieren versuchen (Entschuldungsargumente), erzielen nachteilige Persönlichkeits- und Eignungsurteile; Rechenschaftserklärungen, die die Verantwortlichkeit anerkennen (Verantwortlichkeitseingeständnisse), haben positive Persönlichkeits- und Eignungsurteile zur Folge. Professionelle Personalauswähler (jeweils N = 120) wurden gebeten, die Beschreibung einer Zielposition zu lesen, Bewerbungsunterlagen zu sichten, anschließend ein Interviewtransskript zu lesen und den Bewerber schließlich mithilfe eines Fragebogens zu beurteilen. In beiden Untersuchungen wurden Haupt- und Interaktionseffekte auf fast allen Urteilsdimensionen registriert. Die Ergebnisse zeigen: Bewerber, die bereit sind, die Verantwortlichkeit für Misserfolge zumindest teilweise anzuerkennen, erzielen bessere Persönlichkeits- und Eignungsurteile als solche, die die Verantwortlichkeit vollständig zu minimieren versuchen.
In einer dritten Studie C wurden die Präferenzen von Bewerbern und Personalauswählern für unterschiedliche Rechenschaftserklärungen miteinander verglichen, um folgender Frage nachzugehen: Wählen Bewerber kontraproduktive, d. h. nachteilige Rechenschaftsargumente? Potenzielle Bewerber (n = 72) wurden aufgefordert, die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, mit welcher sie drei unterschiedliche Rechenschaftsargumente zur Kontrollierbarkeit eines Misserfolgs (kontrollierbar vs. nicht kontrollierbar: Pech vs. nicht kontrollierbar: andere beschuldigen) selbst verwenden würden, wenn es gelte, im Einstellungsinterview ein definiertes Misserfolgsereignis (hier: das Erzielen einer schlechten Prüfungsleistung) zu erklären. Zugleich wurde eine Gruppe professioneller Recruiter (n = 72) gebeten, über die erlebte Wirkung derselben drei Rechenschaftsargumente Auskunft zu geben („beeinflusst meine Einschätzung des Bewerbers positiv vs. negativ“). Es wurde ein internetgestütztes, quasi-experimentelles 2 (Bewerber vs. Interviewer; between subjects) x 3 (Rechenschaftsargumente; within subjects)-Messwiederholungsdesign realisiert. Während Personalauswähler Verantwortlichkeitseingeständnisse stärker wertschätzen als Entschuldungsargumente, so die Hypothese, favorisieren Bewerber Entschuldungsargumente, wenn es gilt, persönliche Misserfolge in Auswahlgesprächen zu erklären (sie agieren selbstwertdienlich). Die Ergebnisse: Tatsächlich erzielt das Kontrollierbarkeitseingeständnis die höchste Wertschätzung bzw. günstigste Wirkung auf Seiten der Recruiter. Zugleich jedoch geben die Bewerber an, mit größter Wahrscheinlichkeit das Kontrollierbarkeitseingeständnis, nicht aber – wie erwartet – eines der Entschuldungsargumente zu kommunizieren. Kritisch wird die Übertragbarkeit dieses Ergebnisses auf reale Einstellungsinterviews diskutiert.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2007