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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2007

 

Titel „Kuckuckseier“
Gerhard Richter und seine Landschaften
Autor Gundula Sibylle Caspary
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Die Landschaftsbilder von Gerhard Richter nehmen eine besondere Stellung innerhalb seines Gesamtwerkes ein: Sie sind zugleich integratives und exponiertes Sujet; in ihnen treten nahezu alle Aspekte des Richterschen Œuvres zutage. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, die Bedeutung von Gerhard Richters Landschaften im Kontext seines eigenen Werkes, im Kontext der zeitgenössischen Kunst und der Geschichte der Landschaftsmalerei darzulegen.
Dazu werden zunächst die verschiedenen „Gruppen“ von Landschaftsgemälden einschließlich einiger Abstrakter Bilder umrissen, dann werkimmanent die verbindenden Aspekte zwischen den Landschaften und dem Gesamtwerk Richters untersucht. Dem folgt ein kurzer Abriß über die Entwicklung der Landschaftsmalerei, um die Voraussetzungen zu klären, unter denen Richter das Motiv der Landschaft in den frühen 1960er Jahren in sein malerisches Repertoire aufnimmt. In dem historischen Vergleich wird bes. der in der Literatur häufig angeführte Bezug von Richters Landschaften zur Epoche der Romantik und insbesondere zu Caspar David Friedrich analysiert. Abschließend erfolgt der Versuch einer zeitgenössischen Einordnung unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung der (Landschafts-)Malerei in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.
Richter malt Landschaften zu einer Zeit, da Landschaft (und Natur) graphisch stilisiert, zerstört oder denaturiert dargestellt oder als Material benutzt wurde. Richters „schöne“ Landschaften dagegen kritisieren die sozialen, gesellschaftlichen oder ökologischen Verhältnisse der Zeit nicht; sie bleiben uneindeutig in ihrer Aussage, unparteiisch und „ideologiefrei“, zwischen Privatheit und Typisierung, zwischen geographischer Definierbarkeit und malerischer Abstraktion. Dabei stehen sie in der Ambivalenz von Gegenwart, Vergangenheit und Überzeitlichkeit, von Sein und Erinnerung, von Objektivität und Subjektivität, Stimmungshaftigkeit und kühler Distanz, von Gegenständlichkeit und Abstraktion.
Richters ästhetische Landschaften vergegenwärtigen in unspektakulären Motiven (mit spektakulärer Malerei) den Bereich der zur Landschaft konstituierten und kultivierten Natur; sie bilden ein Gegenüber zum städtischen Alltag, obgleich sie dem Alltäglichen verpflichtet sind. Daß Richter vom „Ist-Zustand“ nur die „schöne“ Seite zeigt, bedeutet keine Flucht in die Idylle, weil seine Bilder auf den medialen, zeitgenössischen und historischen Kontext verweisen und ihren illusorischen Schein selbst enthüllen. Richters Landschaften sind „Kuckuckseier“, weil sie im Betrachter eine Sehnsucht wecken, die sie nicht erfüllen können und wollen; sie sind fragmentarisch und mehrdeutig und beinhalten im Sinne der Romantik ironische und paradoxe Elemente. Sie sind genausowenig als „romantisch“ zu bezeichnen wie sie „realistisch“ bzw. „photorealistisch“ sind. Zwar leugnen sie (und leugnet Richter) ihre Nähe zum „Erbe“ der (Landschafts-)Malerei nicht, doch heben sich diese historischen Dimensionen zum Teil gegenseitig auf und werden von Richter unter Einbeziehung zeitgenössischer Strategien der Kunst gleichzeitig gebrochen und aktualisiert.
Mit Richters Landschaftsbildern gelangte die als ästhetische Landschaft vermittelte Natur mit atmosphärischen Stimmungswerten wieder zur Darstellungswürdigkeit. Ohne sie sind die neue Generation der „Landschafter“ der 1980er und ’90er (in Malerei und Fotografie) kaum denkbar.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2007