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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2007

 

Titel Der Mann in der Sterilitätstherapie
Untersuchung zum Kinderwunsch nach dem Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung
Autor Jürgen Fischer
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung In der vorliegenden Arbeit wurde das Transtheoretische Modell (TTM) von Prochaska & DiClemente (1992) auf den Auseinandersetzungsprozess mit der unge-wollten Kinderlosigkeit übertragen. In Abgrenzung zu bisherigen Prozessmodellen wurde der Gesamtprozess in drei Prozessschleifen unterteilt, die sich jeweils stark am TTM orientieren. In der ersten Schleife steht die Auseinandersetzung mit der Abklärung der medizinischen Ursache im Vordergrund. Am Ende dieser Phase sind die Paare über die medizinische Diagnose informiert. In der zweiten Prozessschleife wird die Entscheidung für oder gegen eine medizinische Infertilitätstherapie getroffen. Das Paar hat sich am Ende dieser Schleife für eine Sterilitätstherapie (im vorliegenden Datensatz meist IvF-Behandlung) entschieden. In der abschließenden dritten Prozessschleife steht dann die Auseinandersetzung und evtl. Beendigung der Therapie und möglicherweise die Nicht-Erfüllung des Kinderwunsches im Vordergrund.
In Abwandlung des Ursprungsmodells wurde die Intensität des Kinderwunsches als zentrale motivationale Variable betrachtet, die das Durchlaufen der einzelnen Prozessschleifen steuert. Der Kinderwunsch wird im abgewandelten Modell als abhängige Variable der drei Konstrukte Persönlichkeit der beiden Partner, Partnerschaftserleben und Optimismus bzgl. des Behandlungsausgangs verstanden. In Anlehnung an die im TTM beschriebenen intrapsychischen Prozesse der Abwägung von Pro und Contras wird im abgewandelten Modell die Entstehung des Kinderwunsches als Prozess innerhalb der Partnerschaft verstanden. Als Folgerung aus dem abgewandelten Modell kann für die Mehrzahl der Studien zu den psychischen Aspekten der Sterilitätstherapie gefolgert werden, dass die Datenerhebung zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt unternommen wurde; meist kurz vor Aufnahme der Therapie (Übergang Prozessschleife 2 zu Schleife 3). Da jedoch der Abbruch der Auseinandersetzung mit der ungewollten Kinderlosigkeit auf vielfältige Weise während des gesamten Prozesses erfolgen kann, wurden verschiedentlich Selektionsprozesse in der Art angenommen, dass Paare mit gering ausgeprägtem Kinderwunsch bzw. auffälligen Persönlichkeits- und Partnerschaftsmerkmalen nicht eine fortgeschrittene Prozessschleife erreichen, in denen üblicherweise die psychologischen Untersuchungen stattfanden.
Die hier analysierten Daten von 487 Kinderwunschpaaren entstammen dem Bonner-Psychiatrisch-Psychologischen Projekt zu den Begleit- und Folgeerscheinungen der In-vitro-Fertilisation, das von 1990 bis 1994 an den Universitätskliniken Bonn durchgeführt wurde. Der Autor war in dieser Studie als Mitarbeiter aktiv in der Datensammlung und –aufbereitung involviert.
Ausgehend vom abgewandelten TTM werden sechs Annahmen in dieser Studie überprüft. Die beiden ersten phasenbezogen Annahmen beziehen sich auf zentrale Übergänge zwischen den Prozessschleifen. Die vier phasenübergreifenden Forschungsfragen zielen auf ein besseres Verständnis der zentralen modellkonstituierenden Variablen: Kinderwunsch, Persönlichkeit und Partnerschaft. Die statistische Überprüfung des Gesamtmodells wird mittels der sechsten Annahme untersucht.
Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse kurz berichtet:  Zum Zeitpunkt der Diagnoseeröffnung (Übergang Schleife 1 zu Schleife 2) berichteten die Männer weniger starke emotionale Reaktionen als ihre Partnerinnen. Erwartungsgemäß fielen die Reaktionen bei den Männern signifikant stärker aus, bei denen eine Einschränkung der Fertilität gefunden wurde.  Kurz vor Beginn der Sterilitätstherapie (Übergang Schleife 2 zu Schleife 3) beschreiben sich die Männer als signifikant weniger belastet als ihre Partnerinnen. Männer überschätzen im Vergleich zur Selbsteinschätzung der Partnerin die Belastung der Frauen stark. Wichtigste Vorhersagefaktoren auf den Grad der eigenen Belastung war bei Männern und Frauen die antizipierte Belastung des Partners. Dies kann als Hinweis dafür interpretiert werden, dass die in Folge der Infertilität auftretenden Belastungen durch die Partnerschaft moderiert werden.
Zentrale motivationale Variable im abgewandelten TTM ist der Kinderwunsch. Sowohl hinsichtlich Intensität und vereinzelt auch bzgl. der Qualität unterscheiden sich die Motive der beiden Partner signifikant. Frauen äußerten einen signifikant stärkeren Kinderwunsch als ihre Partner. Qualität und Intensität des Kinderwunsches unterscheiden sich nicht in Abhängigkeit von der Ursache der Paarsterilität.
Bzgl. der erhobenen Persönlichkeitsmerkmale unterscheiden sich die untersuchten Männer vielfältig von der Eichstichprobe der eingesetzten Persönlichkeitsfragebögen. Demnach sind sie signifikant lebenszufriedener, stärker sozial orientiert, weniger aggressiv, mit weniger körperlichen Beschwerden, stärker introvertiert und weniger neurotisch. Der Gesamttenor dieser Befunde, im Sinne einer eher stabilen Persönlichkeit, kann angesichts der unauffälligen Offenheitswerte als mögliche Unterstützung der Selektionshypothese interpretiert werden. Männer mit einer diagnostizierten Beeinträchtigung äußerten sich im direkten Vergleich mit den restlichen Kinderwunschpatienten als signifikant weniger aggressiv.
Auch hinsichtlich der im Gießen Test operationalisierten Strukturmerkmale fanden sich im Vergleich mit der Eichstichprobe eine Vielzahl signifikanter Unterschiede. Interessant sind die Differenzen im Vergleich der Paare, bei denen eine männliche Sterilitätsursache zu finden war. Hier schildern sich beide Partner als eher unbeliebt und unattraktiv. Zudem berichten die Frauen im FBZ über einen geringeren gedanklichen Austausch und ein schlechteres emotionales und sexuelles Verständnis. Die durchgeführte Clusteranalyse der Paarprofile verdeutlicht, dass die Gesamtheit der Paare in unterschiedliche Paartypen zerfällt. Vier abgrenzbare Paartypen konnten identifiziert werden. Der Vergleich der Cluster hinsichtlich weiterer Parameter macht deutlich, dass es sich um recht stabile Partnerschaftsstrukturen handelt.
Die Analyse der aus dem abgewandelten TTM abgeleiteten Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, Partnerschaftserleben, Behandlungsoptimismus und Kinderwunsch wurde mittels linearer Strukturgleichungsmodelle überprüft. Trotz eines insgesamt guten Modell-Fits fanden sich lediglich bei den Männern signifikante Pfadkoeffizienten auf den Kinderwunsch. Bei den Frauen zeigte sich lediglich ein signifikanter Koeffizient vom Behandlungsoptimismus auf die Intensität des Kinderwunsches. Hier scheinen die antizipierten Erfolgsaussichten ganz maßgeblich die Intensität des Kinderwunsches zu determinieren. Die Überprüfung des Effekts der Moderatorvariable „Ursache der Paarsterilität“ auf die Modellpassung legt den Schluss nahe, dass sich die Modelle für die unterschiedlichen Diagnosegruppen signifikant unterscheiden.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2007