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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2006

 

Titel Rhein, Romantik, Reisen.
Der Ausflugs- und Erholungsreiseverkehr im Mittelrheintal im Kontext gesellschaftlichen Wandels (1890 bis 1970)
Autor Thilo Nowack
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Das Mittelrheintal zwischen Bonn und Rüdesheim gehört zu den ältesten Rei-segebieten Deutschlands. Schon im 19. Jahrhundert strömten Besucher auf der Suche nach Erholung und Vergnügen so zahlreich in die Kleinstädte entlang des Flusses, dass Hotels und Restaurants häufig ebenso überfüllt waren wie die Rheindampfer. Bis vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs etablierte sich ne-ben dem Übernachtungsreiseverkehr ein schichtübergreifender Tagesausflugs-verkehr, wodurch erstmals „moderne“ Strukturen im rheinischen Fremdenver-kehr sichtbar wurden. Seitdem war der Ausflugs- und Erholungsreiseverkehr im Mittelrheintal Wandlungsprozessen unterworfen, die in starker Abhängigkeit zu politischen Entwicklungen, verkehrstechnischen Fortschritten und individuellen und allgemeinen Konsummöglichkeiten und -gewohnheiten der Reisenden standen. Dabei lassen sich sowohl durchgängig den Rheintourismus prägende Besonderheiten feststellen wie auch einschneidende Zäsuren und Brüche. Nach dem Einschnitt des Ersten Weltkriegs blieb das touristische Geschehen am Mittelrhein durch die politischen Rahmenbedingungen, die Rheinlandbeset-zung und die wirtschaftliche und soziale Not bis Anfang der Zwanziger Jahre erheblich eingeschränkt. Seit den sogenannten „Goldenen Zwanzigern“ gehör-ten allerdings Tagesausflüge und Kurzurlaube in gesteigertem Maße zum Be-standteil eines modernen Lebensstils, der sich auch auf die weniger begüterten Gesellschaftsschichten ausweitete. Insbesondere die Ausflugsgäste wurden am Mittelrhein zahlreicher, zugleich aber auch wesentlich sparsamer. Während der Weltwirtschaftskrise zeigte sich in den nur gering zurückgehenden Besucher-zahlen, wie sehr sich das Reisen inzwischen in den verbreiteten Lebensge-wohnheiten verankert hatte. Seit 1933 griff der Nationalsozialismus – wie in die meisten Lebensbereiche – auch in die Belange des Fremdenverkehrs ein. In gesellschafts- wie auch in außenpolitischer Hinsicht wurde der Fremdenverkehr in seinem propagandistischen Wert erkannt. Subventionierte „Kraft-durch-Freude“-Reisen traten neben den herkömmlichen Tourismus, während die Fremdenverkehrsgemeinden dazu angehalten wurden, gegenüber ausländi-schen Gästen als Aushängeschild für deutsche Tugenden zu wirken. Hierbei rückten die regionalen Verkehrsverbände in eine schwierige Mittlerfunktion zwi-schen nationalsozialistischer Politik und Fremdenverkehrsbranche. Nach dem erneuten Zusammenbruch während des Zweiten Weltkriegs kam es in den Jah-ren des sogenannten „Wirtschaftswunders“ auf Grundlage der allgemeinen Verbesserungen der wirtschaftlichen und sozialen Lage auch im mittelrheini-schen Fremdenverkehr zu einem enormen Aufschwung. In dieser Glanzzeit des Ausflugs- und Erholungsreiseverkehrs am Mittelrhein ging der quantitative Auf-schwung mit qualitativen Veränderungen des Reiseverhaltens einher: einer wachsenden Bedeutung des Autoreiseverkehrs, einer deutlichen Verkürzung der Aufenthaltsdauer, einer Zunahme des Tagesausflugsverkehrs und dem auf-kommenden Campingtourismus. Seit den ausgehenden 50er Jahren stagnier-ten die Besucherzahlen. Ganz entgegen dem Trend des allgemeinen Reise-booms blieben am Rhein in den 60er Jahren die zahlreichen Bemühungen um Verbesserungen oder Differenzierungen des touristischen Angebots überwie-gend wirkungslos. Auf Grundlage der Auswertung umfangreichen Archivmaterials umreißt die Ar-beit die Entwicklung des Fremdenverkehrs im Mittelrheintal vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre hinein und erarbeitet dabei einige präg-nante Besonderheiten des Rheintourismus: die herausragende Bedeutung des Ausländerreiseverkehrs, der seit Beginn, insbesondere aber in den 1950er Jah-ren zur tragenden Säule der Entwicklung wurde; die nachhaltige Bedeutung der verkehrstechnischen Entwicklung bei der Rheinschifffahrt und dem Automobil; spürbare Kontinuitäten über die politischen Zäsuren hinweg, vor allem im Hin-blick auf die typischen Werbeklischees für den Rheintourismus; die andauern-den Versuche der Verkehrsverbände und -vereine, auf den Charakter des Fremdenverkehrs und das Verhalten der Touristen Einfluss zu nehmen; und schließlich die generelle Charakterisierung des Mittelrheintales als typisches Durchreiseland mit einer wachsenden Dominanz des Tagesausflugsverkehrs und einer mangelnden Etablierung pauschaltouristischer Angebotsstrukturen.
Abstract Rhine. Romanticism. Travelling. The travel and leisure history in the Rhine Valley in the context of societal change (1890 until 1970)
The Rhine Valley between the cities of Rüdesheim in the south and Bonn in the north is one of Germany’s oldest travel regions. As early as in the 18th century visitors searching relaxation and adventure poured into the small towns along-side the river, jamming hotels and restaurants as well as the riverboats. Until the break of World War One a day-trip market that bridged all social classes emerged alongside the overnight market thus showing “modern” tourism struc-tures in the region for the first time. Since then the day-trip and leisure travel in the Rhine Valley was closely linked to political and infrastructure developments as well as to individual and common (financial) backgrounds and consumption habits. One can identify individual characteristics that shape the Rhine Valley tourism throughout the decades on the one hand and shifts and breaks on the other. Due to the political context, the occupation of the Rhineland and the economical and social misery following World War One the tourism activities in the Rhine Valley had slowed down significantly in the early 20’s. Since the so called “roar-ing twenties” short day- and overnight trips increasingly belonged to a modern lifestyle which also was pursued by less affluent social classes. Especially day-trip guests increasingly travelled to the Rhine Valley, however at the same time spending less money. The fact that visitor numbers only declined marginally during the world economic crises shows how much “travelling” had at that time become part of a broad lifestyle. Following 1933 the Nazis tried to actively shape the tourism industry just as much as other societal areas recognizing the propaganda-potential both for the areas of domestic- and foreign policy. In this process subsidised “Kraft-durch-Freude” trips developed alongside conventional tourism, whereas communities where told to promote German virtues towards foreign travellers. The regional travelling associations thus were stuck in a com-plicated middle position with pressure applied from Nazi-policies from one side and that of the tourism industry from the other. After another breakdown during the Second World War the following years of the “Wirtschaftswunder” going along with fast-paced economic recovery and social improvements marked the basis for an enormous upswing of tourism in the area. This “golden era” of tour-ism in the Rhine Valley was marked by the fact that the quantitative upswing went alongside with qualitative changes of travelling habits: an increasing im-portance of automobile-based tourism, a clear shortening of the duration of stays, an increase of day-travelling and the emerging camping tourism. Since the late 50’s the visitor numbers stagnated. Contrasting the general boom in the travelling industry the efforts of the involved parties in the Rhine Valley to im-prove and differentiate the tourism offerings proved to have hardly any effect. On the basis of the analysis of extensive archive materials the dissertation por-trays the development of tourism in the Rhine Valley starting in the late 18th century until the 1960’s while compiling some special characteristics of the Rhine tourism: the tremendous importance of foreign visitors, that had shaped tourism in the region ever since the beginning, however becoming the key com-ponent of it in the 1950’s; the sustained development of the Rhine shipping in-dustry and automobile travel; obvious continuities bridging political breaks and upheavals, especially regarding the typical marketing clichés for Rhine tourism; the ever-repeating efforts of the travelling associations- and clubs to shape the character of tourism and the habits of tourists in the regions; and finally the general evaluation of the Rhine Valley as a typical region of journey-through tourism with a growing dominance of day-tourism and the lacking establishment of all-inclusive offerings. [for the translation very special thanks to Sean Harris]
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2006