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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2002

 

Titel Effekte sozialer Erwartungen auf Personengedächtnis und Eindrucksbildung
Autor Katja Alexandra Ehrenberg
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Der Inkonsistenzeffekt in der Personenwahrnehmung bezeichnet das Phänomen, dass erwartungskonträre Informationen über Personen besser erinnert werden als erwartungskonforme Informationen. Es liegen unterschiedliche Erklärungen zu diesem und verwandten Effekten wie dem Atypikalitätseffekt vor: Schema-Filter-Theorien gehen davon aus, dass erwartungsinkonsistente Information bei der Enkodierung ausgefiltert wird und können den Inkonsistenzeffekt nicht erklären. Schema-Plus-Tag-Modelle sagen vorher, dass inkonsistente Information in kognitiv unaufwendiger Weise gesondert markiert und separat gespeichert wird. Die Attention-Elaboration-Hypothese besagt, dass inkonsistente Informationen Aufmerksamkeit auf sich ziehen und tiefer verarbeitet werden. Assoziative Netzwerkmodelle des Personengedächtnisses postulieren hierauf aufbauend, dass inkonsistente Information stärker mit anderen Informationen verknüpft wird als konsistente Information. Beide nehmen an, dass diese Elaboration kognitiv aufwendig ist und daher nur unter hinreichenden kognitiven Ressourcen stattfinden kann. Die im Rahmen eines Reallokationsansatzes formulierte Hypothese der Enkodierflexibilität schließlich besagt, dass inkonsistente Information nur unter eingeschränkter kognitiver Kapazität mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als konsistente und perzeptuell besser verarbeitet wird als diese. Es ergeben sich widersprüchliche Vorhersagen zur Auswirkung von kognitiver Belastung auf den Effekt. Ebenso widersprüchliche Vorhersagen und Befunde liegen zum Einfluss der Zeitspanne zwischen Enkodierung und Abruf auf den Inkonsistenzeffekt vor.
Zur Prüfung dieser Ansätze sowie zum Nachweis der Bedeutung von Quellengedächtnis im Kontext der Eindrucksbildung wurden vier Experimente im Paradigma der seriellen Informationsdarbietung durchgeführt, wobei die kognitive Belastung bei der Enkodierung und die Dauer des Retentionsintervalls variiert wurden. Es wurden positive, negative und neutrale Verhaltensbeschreibungen über zwei Personen dargeboten. Anschließend sollten diese nunmehr mit Distraktoren gemischten Aussagen wiedererkannt und der richtigen Person zugeordnet werden. Die Verwendung dieser Source-Monitoring-Prozedur erlaubt eine Datenanalyse auf Basis eines multinomialen Modells, so dass die beteiligten kognitiven Prozesse Rekognition, rekognitionsbezogenes Raten, Quellendiskrimination und quellenbezogenes Raten getrennt erfasst werden können. Zusätzlich wurden Eigenschafts- und Sympathieurteile sowie Häufigkeitsschätzungen als klassische Maße des globalen Eindrucks erhoben.
In den ersten drei Experimenten wurde die Erwartung stereotypbasiert über die Kennzeichnung der Zielpersonen als Mitglieder zweier komplementär bewerteter sozialer Kategorien (Skinhead und Sozialpädagoge) implementiert. Über beide Personen wurde zu gleichen Teilen positive und negative Information dargeboten. Es zeigte sich ein Inkonsistenzeffekt in der Rekognitionsleistung, der jedoch nur in der Bedingung ohne kognitive Belastung und bei zeitlich relativ direktem Abruf stabil auftrat. In der Quellendiskriminationsleistung beschränkt sich der Inkonsistenzeffekt hingegen auf die Bedingung mit Belastung und langem Retentionsintervall. Unter Belastung zeigen sich starke Erwartungseffekte im quellenbezogenen Raten, die hoch mit den Maßen des globalen Eindrucks korrelieren.
Im vierten Experiment wurde die Erwartung kontingenzbasiert implementiert. Die Zielpersonen wurden keinen sozialen Kategorien zugeordnet, es wurden jedoch jeweils im Verhältnis 3:1 positive beziehungsweise negative Aussagen über sie dargeboten. Erwartungsgemäß fallen die Effekte sehr ähnlich aus wie in den Experimenten zu stereotypbasierten Erwartungen, und die Kontingenz spiegelte sich im sozialen Eindruck.
Besonders die in allen vier Experimenten nachgewiesene große Bedeutung von Quellengedächtnis im Sinne der Assoziation zwischen Information und Person ist in den bisherigen Theorien zum Personengedächtnis nicht hinreichend berücksichtigt. Gleiches gilt für Erwartungseffekte im rekonstruktiven Raten der Quelle unter Unsicherheit. Weiterhin machen die dissoziierenden Effekte von kognitiver Belastung und Retentionsintervall auf Rekognition einerseits und Quellengedächtnis andererseits die Notwendigkeit deutlich, diese beiden Facetten von Gedächtnis getrennt voneinander zu untersuchen. Die Befunde bestätigen keines der gängigen Modelle zum Personengedächtnis, lassen sich jedoch gut mit einem hier vorgeschlagenen modifizierten Ansatz funktionaler Ressourcenreallokation vereinbaren. Abschließend werden Implikationen für die Veränderung von Stereotypen diskutiert.
Abstract The inconsistency effect in person perception refers to the phenomenon that information contradicting one's expectancies about a person is better remembered than information confirming these expectancies. A number of theoretical explanations have been suggested for this and related effects such as the atypicitality effect: Schema-Filter models are based on the assumption that expectancy inconsistent information is filtered out at encoding and thus cannot explain the inconsistency effect. Schema-Plus-Tag models predict that inconsistent information is marked in a cognitively effortless manner and stored separately from the schema. The Attention-Elaboration-Hypothesis denotes that inconsistent information attracts attention and is processed more deeply. Associative Network models of person memory build on this hypothesis and postulate inconsistent information to be more extensively interlinked with other pieces of information in comparison to consistent information. Both assume the according elaborative processes to be cognitively demanding and therefore only to take place if sufficient cognitive resources are available. Located within the framework of attention-reallocation accounts, the Encoding-Flexibility-Hypothesis states that inconsistent information attracts more attention only under conditions of limited cognitive capacity, and is then processed in more perceptual detail. Diverging predictions on the impact of cognitive load on the inconsistency effect arise. Similarly, diverging predictions and findings are reported in the literature concerning the amount of time elapsing between encoding and retrieval.
In order to test these models as well as to demonstrate the importance of source memory in the context of impression formation, four experiments were conducted incorporating a paradigm of serial information presentation, manipulating cognitive load at encoding as well as the duration of a retention interval. Positive, negative and neutral behaviour descriptions about two persons were presented. Later on, these were to be recognized among distractor behaviours and to be reassigned to the correct person. Incorporating this source-monitoring procedure allows one to analyse the data on the basis of a multinomial model, and thus to assess the cognitive processes involved (recognition, recognition related guessing, source discrimination and source related guessing) separately from each other. In addition, trait and sympathy judgments as well as frequency estimates were obtained as classical measures of global impression.
In the first three experiments, expectancies were implemented via introducing the target persons as members of two complementarily evaluated social categories (skinhead and social pedagogic). Positive and negative information was presented about both persons to equal proportions. An inconsistency effect was found in recognition performance, which, however, turned out to be reliable only in the condition without cognitive load and relatively direct retrieval. In source discrimination, on the other hand, the inconsistency effect was restricted to the condition with load and longer retention interval. Under load, strong expectancy effects emerged in guessing the source under uncertainty. These effects were highly correlated with global impression measures.
In Experiment 4, expectancies were induced via a contingency between target persons and behavioural valence. The target persons remained uncategorized, but positive and negative behaviour descriptions were presented in a ratio of 3:1 and 1:3, respectively. As predicted, effects were similar to those obtained in the experiments on stereotype-based expectancies. The contingency was reflected in global impression measures.
Especially the major role of source memory - reflecting the association between person and information - as demonstrated in all four experiments is not taken into sufficient consideration by current theories of person memory. This also holds for expectancy effects in reconstructive guessing of the source under uncertainty. Moreover, the dissociating effects of cognitive load and retention interval on recognition on the one hand and source memory on the other hand underline the necessity to study these facets of memory separately from each other. The findings do not confirm any of the current models of person memory, but can well be reconciled with a modified account of functional resource allocation suggested here. Implications for stereotype change are discussed.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2002