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Philosophische Fakultät - Jahrgang 2000

 

Titel Soziale Kategorien im situativen Kontext
Kognitive Flexibilität bei der Personenwahrnehmung
Autor Ingo Wegener
Publikationsform Dissertation
Zusammenfassung Nach dem AccessibilityXFit-Ansatz von Oakes (1987) wird die Salienz sozialer Kategorien durch die Zugänglichkeit (accessibility) der Kategorie und die Passung (fit) bestimmt. Unter Zugänglichkeit wird dabei die Leichtigkeit verstanden, mit der eine Kategorie kognitiv aktiviert werden kann, während Passung durch die Unterschiede der Mitglieder innerhalb einer sozialen Kategorie im Verhältnis zu den Unterschieden zu Mitgliedern anderer Kategorien determiniert ist. Hohe Passung liegt vor, wenn nur geringe Unterschiede innerhalb der Kategorien exisitieren, die Unterschiede zu Personen außerhalb dieser Kategorien jedoch groß sind. Zur Überprüfung dieses Ansatzes wurden fünf Experimente im „Who said what?"-Paradigma (Taylor, Fiske, Etcoff & Ruderman, 1978) durchgeführt. Die Versuchspersonen hatten im Anschluß an die Beobachtung einer Gruppendiskussion die vorgekommenen Aussagen sowie Distraktoren den beteiligten Sprechern zuzuordnen. Die Auswertung der resultierenden Daten mit Hilfe eines multinomialen Modells (Klauer & Wegener, 1998) macht es möglich, die involvierten kognitiven Prozesse getrennt zu erfassen.
In den ersten drei Experimenten wurde die Passung manipuliert, indem die Kovariation zwischen den sozialen Kategorien und den Einstellungen der Kategoriemitglieder variiert wurde. Durch ein Vorexperiment war sichergestellt, daß die in den einzelnen Experimenten verwendeten Kategorien sich hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit unterschieden. Mit zunehmender Passung stiegen sowohl Kategoriegedächtnis als auch Personengedächtnis an. Es war zudem eine deutliche Ratetendenz zu beobachten: Die Aussagen einer gegebenen Einstellungsposition wurden unter Unsicherheit häufiger den Sprechern derjenigen sozialen Kategorie zugeordnet, deren Mitglieder in der Gruppendiskussion die Mehrzahl der Aussagen dieser Einstellungsposition gemacht hatten. Über die drei Experimente hinweg zeigte sich mit zunehmender Zugänglichkeit ebenfalls ein besseres Kategoriegedächtnis sowie eine extremere Antworttendenz. Diese Ergebnisse stützen den AccessibilityXFit-Ansatz von Oakes (1987, 1996) und führen zu einer Ausdifferenzierung der beiteiligten Konzepte. Die Salienz sozialer Kategorien hängt von deren Zugänglichkeit und Passung ab und hat deutliche Auswirkungen auf die Informationsaufnahme sowie die Rekonstruktion sozialer Situationen. Besonders die hier nachgewiesene große Bedeutung von kategoriebasierten Rateprozessen beim Abruf sozialer Situationen aus dem Gedächtnis scheint in der Theoriebildung stark unterschätzt zu sein. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen darüber hinaus, daß eine Reihe von Experimenten, die im „Who said what?"-Paradigma durchgeführt wurden, aufgrund von Zweideutigkeiten der abhängigen Variablen bei zugrundeliegender Passung nicht in herkömmlicher Weise interpretierbar sind.
In zwei weiteren Experimenten der vorliegenden Arbeit konnte gezeigt werden, daß die Kategoriesalienz nicht, wie im AccessibilityXFit-Ansatz von Oakes (1987, 1996) postuliert, durch das mathematische Produkt von Zugänglichkeit und Passung bestimmt ist. Zugleich demonstrieren diese Experimente die funktionale Bedeutung sozialer Kategorien bei der Informationsverarbeitung, da selbst sinnlose Silben auf der Basis sozialer Kategorien verarbeitet wurden.
Die Ergebnisse dieser letzten beiden Experimente zeigen die Grenzen des AccessibilityXFit-Ansatzes von Oakes (1987) auf. Die grundlegende Relevanz der Konzepte Zugänglichkeit, Passung und Kategoriesalienz für die Informationsverarbeitung in sozialen Situationen wird durch die Ergebnisse der ersten drei Experimente jedoch unterstrichen.
Abstract Social Categories in the Situative Context: Cognitive Flexibility in Person Perception
According to the accessibilityXfit approach by Oakes (1987), the salience of social categories is determined by accessibility and fit. Accessibility refers to the ease with which a category can be cognitively activated, whereas fit is determined by the differences between members within a social category in relation to the differences to members of other categories. Thus, high fit is present if only small differences exist within a given category and large differences to persons outside of this category. To examine the impact of accessibility and fit, five experiments were conducted in the so-called "Who said what?" paradigm (Taylor, Fiske, Etcoff & Ruderman, 1978). Following the presentation of a group discussion, the subjects had to assign the presented statements as well as distractor statements to the speakers. The analysis of the data using a multinomial model (Klauer & Wegener, 1998) allows to estimate the relative contributions of the involved cognitive processes separately.
In the first three experiments, fit was manipulated by varying the covariation between the social categories and the attitude positions of the category members. The results of a preliminary experiment guaranteed that the categories used in the following three experiments differed according to their accessibility. In these experiments, both category memory and person memory were shown to rise with increasing fit. In addition, a strong guessing tendency was observed: Under uncertainty the statements of a given attitude position were assigned more frequently to the speakers of the social category whose members had uttered the majority of the statements expressing this attitude position in the group discussion. A better category memory as well as a more extreme guessing tendency occured with increasing accessibility over the three experiments. These results support the accessibilityXfit approach by Oakes (1987, 1996) and lead to a further differentiation of the involved concepts. The salience of social categories depends on acessibility and fit and has clear effects on information processing as well as on the reconstruction of social situations. Particularly, the importance of category-based guessing processes for the recall of social situations from memory, as demonstrated here, seems to be widely ignored in theory formation. Further, the results show that several experiments, realizing conditions of fit in the "Who said what?" paradigm, are not interpretable in the conventional way due to ambiguities of the dependent variables.
The postulate of the accessibilityXfit approach (Oakes, 1987, 1996) that acessibility and fit are necessary conditions for category salience could be rejected in two further experiments. At the same time, these experiments demonstrate the functional importance of social categories for information processing, since even senseless syllables were processed on the basis of social categories.
The results of these last both experiments point out the boundaries of the accessibilityXfit approach by Oakes (1987). However, the fundamental relevance of the concepts accessibility, fit and category salience for information processing in social situations is emphasized by the results of the first three experiments.
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© Universitäts- und Landesbibliothek Bonn | Veröffentlicht: 2000